Das „ICH“ aus Römer 7 – Teil 1

Eines der schwierigsten Kapitel des Römerbriefs ist das siebte. Im Besonderen die Frage, wer ist der/das „ICH“ und in welchem geistlichen Zustand steht es. Ist es ein klagendes Eingeständnis von Paulus, welches auch für die Christenheit gilt – also das „simul justus et peccator“? Oder trifft das vom Pietismus wiederkehrende Verständnis zu, dass es den nicht wiedergeborenen Menschen beschreibt, der aber dem Gesetz zustimmt und das Gute tun will. In diesem und weiter folgenden Artikeln wollen wir uns die verschiedenen Positionen näher anschauen.

Simul justus et peccator
Johannes Calvin schreibt in der Institutio, dass hier der wiedergeborene Mensch beschrieben wird. Er argumentiert, dass Römer 7,20 (Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde.) nur von einem Wiedergeborenen kommen kann, dessen Seele zum Guten neigt. Da alles Dichten und Trachten des menschlichen Herz böse ist (Gen 8,21) kann der Unwiedergeborene nicht gemeint sein. Die Wiedergeborene sich gemäß Calvin auch Sünder und leben somit unter dem Joch der Sünde. Diese Menschen schleppen ein Überbleibsel vom Fleisch mit sich, in welchem die Sünde ist (Röm 7,18).

Im vergangen Jahrhundert wurde diese Sicht auch von Karl Barth, in seinem Römerbriefkommentar (1922) vertreten. Dessen Ausführungen, ich gebe zu er schreibt etwas verwirrend, möchte ich euch nicht vorenthalten:

Ein religiöser Mensch zu sein heißt ein zerrissener, ein unharmonischer, ein unfriedlicher Mensch sein. […] Wir alle verraten in unserem ganzen Tun und Gebaren deutlich genug, daß wir keineswegs mit uns selbst einig sind, und damit, wie sehr wir beunruhigt sind durch Gott. […] Die Wirklichkeit der Religion besteht darin, daß gegenüber dem, was ich will und nicht vollbringe, vollbringe und nicht will, mein Ich, das Subjekt aller dieser Prädikate, zu einer ganz und gar fraglichen Größe wird, zu einem X, das nnicht leben und nicht sterben kann. […] Religion ist ausbrechender Dualismus. […] Religion heißt Spaltung des Menschen in zwei Teile: hier der „Geist“ des innerlichen Menschen, der sich am Gesetz Gottes erfreut […], dort die „Natur“ meiner Glieder, in der ein ganz anderes Gesetz, eine ganz andere Möglichkeit, ein ganz anderes Stück Vitalität sich zu Wort meldet, im Krieg liegt, Nein sagt zu dem „Gesetz der Vernunft“ und seinem Ja.[…] Der unglückselige Mensch, der ich bin. Wir müssen dem ganzen Gewicht dieses „Ich bin“ standhalten. Man wirft dieses Gewicht nicht ab. Wahrhaftig nicht seine Geschichte „vor seiner Bekehrung“ hat Paulus hier erzählt.[…] Sondern festgestellt hat Paulus, kongenial versanden von den Reformatoren, nicht verstanden von der mit pietistischer Brille lesenden neueren Theologie, sein Sein in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Wirklichkeit seines Seins „vor“ und „nach“ Damaskus ist diese Wirklichkeit.  Derselbe eine Mensch kraft des Gesetzes Gottes gespalten in zwei, die kraft des Gesetzes Gottes nicht zwei sein können. Gestürzt in einem Dualismus, der seine eigene Widerlegung ist. Zerschellt an Gott, ohne doch Gott vergessen zu können. Wissen wir jetzt, was die Freiheit Gottes, was seine Gnade ist!?

 

 

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