Im vorhergehenden Artikel wurde die Sicht der Reformatoren „simul justus et peccator“ dargelegt. Im Folgenden Artikel wird die Sichtweise, die hauptsächlich durch den Pietismus vertreten wird dargelegt.

Das pietistische Verständnis
Römer 7 wird hier als die Beschreibung eines Menschen verstanden, welcher noch nicht wiedergeboren wurde und in dem Gottes Geist nicht ist.
Demnach geht es in Römer 7  um die Frage, ob der Mensch allein durch das Studium des Gesetzes in der Heiligung leben kann. Paulus zeige auf, dass dies ohne die verändernde Kraft des Geistes eine Unmöglichkeit ist. Es geht somit nicht um das „normale“ Christenleben und betrifft die Lebenswirklichkeit eines Nichtgläubigen. J. Thiessen begründet dies mit Folgender Gegenüberstellung von  Römer 7 mit Römer 6 und 8:

8: „Ich bin fleischlich, unter die Sünde verkauft (V.14). „Ihr seid nicht fleischlich (8,9), sondern der Sünde abgestorben (6,2-6)

und vom Rechtsanspruch der Sünde befreit (6,7),

„Was ich hasse, das tue ich“ (15b.18.19). Weil die Sünde ihre Herrschaft verloren hat, ist der Wiedergeborene befähigt den Willen Gottes zu tun (6,12-22; 8,1-4; 10-13).
„Die Sünde wohnt in mir“ (17-20). Christus und der Heilige Geist wohnen in mir (8,9.10.15.16).
„… ein anderes Gesetz… hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist“ (23). „Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (8,3).

Im Christen wohne nicht mehr die Sünde (V17) sondern Christus. Zudem ist der Christ nicht fleischlich und unter die Sünde verkauft (dies trifft seit Adam auf den unerretteten Menschen zu). Denn dieser ist nicht im Fleisch sondern im Geist (Röm 8,9). Hinzu kommt, dass der Gläubige von der Sünde Frei gekauft ist (Röm 6,7.22; Kol 1,13ff). Wenn ein Mensch nicht tut was er will, sondern was er hasst, dann ist dies der Zustand eines Menschen der aus eigener Kraft versucht, das Gesetz Gottes zu erfüllen.