people-844213_1920In der Synagoge von Nazareth las Jesus folgenden Text vor:

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit auszurufen und Blinden, dass sie wieder sehen, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen ein angenehmes Jahr des Herrn.“ (LK 4,18-19)

Die Frage ist nun, wer die Armen sind, denen die Freudenbotschaft proklamiert werden soll? Will Jesus hier ein (politisches) Programm für materiell Arme machen, ihnen aus ihrer Armut heraushelfen, oder geht die gute Botschaft des Evangelium hauptsächlich an materiell Arme?
Volker Gackle schreibt Folgendes dazu:

Immer bezeichnet Jesus die „Zöllner und Sünder“ als Adressaten seiner Sendung. Es sind jene, die mit der Verachtung der jüdischen Gesellschaft rechnen konnten: die Steuereinnehmer, die Zöllner, die Hirten, die Huren usw. Auf der anderen Seite werden auch die Anhänger Jesu als die Kleinen, ja sogar als die Kleinsten und als die Einfältigen bezeichnet. Jesu Anhängerschaft sind die Sünder, die ihm nachfolgen, das ist das am ha-arez, das Volk des Landes, das sich entweder der Ignoranz der Sadduzäer oder der herablassenden Belehrung der Phärisäer sicher sein konnte. Es sind die Ungebildeten und Unwissenden, deren moralisches Verhalten ihnen den Zugang zum Heil verbaute. Sie sind die Armen, die in den Seligpreisungen bei Matthäus als die „geistlich Armen“ bezeichnet werden, bei Lukas in direkter Anrede an die Jünger als „Ihr Armen“. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen, dass es sich auch um materiell Arme handelt – im Gegenteil –, aber darauf liegt nicht der Ton. Es sind die Gedemütigten, die Armen vor Gott, die geistlichen Bettler, mit denen wir es hier zu tun haben. Dieser Kreis der „Armen“ ist weit größer als die materiell Armen unserer Tage. Wird dieser Hintergrund begriffen, dann fügt sich das Nazareth-Manifest auch kongruent in die Verkündung und das Wirken Jesu ein, wie es uns in den Evangelien berichtet wird. Will man aber in diesen Versen einen sozialrevolutionären Aktionsplan sehen, dann bleibt das Wirken Jesu unverständlich und widersprüchlich.