Erst kürzlich habe ich den Artikel „Das Ende der Endzeit…“ veröffentlicht.
Darin schrieb ich u.a.
Bis dahin war deutlich, es gibt etwas, was der Wiederkunft Christi noch im Weg steht. Bis 70n.Chr.
Danach ist das “alles” geschehen. Von diesem Zeitpunkt an, kann Jesus jederzeit wiederkommen. D.h. es sind keine weiteren “Gog – Magog” Zeichen für Jesu Wiederkunft nötig, nicht einmal das Erstarken der EU.

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist m.E. der Text in 2.Thessalonicher 2, 1-12. Gemäß Carson und Moo wurde der Brief Ende 50/ Anfang 51n.Chr. verfasst.
Hier schreibt Paulus davon, dass bevor die Ankunft des Herrn geschehen wird, der Mensch der Bosheit auftreten muss und sich in den Tempel Gottes setzten wird, Anbetung verlangen wird und schlussendlich von Christus, am Tag seiner Ankunft (vgl. Parallele zu 1Thes 4) beseitigt wird.
Bedeutet dies, dass es vor der Wiederkunft Christi einen Antichristen geben wird, der sich in den 3.Tempel in Jerusalem setzen wird? Muss also erst wieder der Tempel aufgebaut werden, bevor Jesus wiederkommen kann?
War zu der Zeit der Abfassung des 2Thes die Voraussetzung für die Wiederkunft Christi, dass zuerst der Tempel zerstört wird und dann im wiederaufgebauten Tempel der Antichrist sich hineinsetzen wird?

Wenn wir 1Thes 4-5 und 2Thes 2 als selbiges Ereignis sehen, wofür die Wortwahl m.E. gute Argumente liefert, wie die Oben genannte Deutung in gewisser Maßen zu hinterfragen, oder ergänzen sein. Das 1Thes 4 von der Auferstehung der Toten und dem Entgegengehen zu Christus, bei seiner Ankunft, spricht, dürfte unumstritten sein.
Auch 2.Thes 2 spricht von der Ankunft Christi, bei dem er die Person, welche sich in den Tempel anbetungsfordernd setzte, beseitigen wird. Interessant ist die Frage inwiefern 2Thes 2 mit Offb 19,11ff in Verbindung zu sehen ist.

Ich möchte zwei Positionen zu der Auslegung von 2Thes 2 zitieren. Zuerst Gerhard Friedrich (NTD-Kommentar) und anschließen N.T. Wright (Paul for Everyone).

Wie er andeutet, geht es ihm um das Kommen Christi und um die Vereinigung der Christen mit ihm, wovon Paulus bereits 1.Thess. 4,15-17 gesprochen hat. […] es liegt ihm daran zu zeigen, daß diesem Geschehen bestimmte Ereignisse vorausgehen müssen. […]
In der Gemeinde von Thessalonich hatten einige Glieder die Ansicht verbreitet, die Zeit für den Tag des Herrn sei da, dieser stehe nun unmittelbar bevor. […] In Tessalonich scheint sich etwas Ähnliches ereignet zu haben wie später in Pontus. Wie Hippolyt (Daniel-Kommentar 4,19) berichtet, hat dort ein Vorsteher der Gemeinde wie ein Prophet das Eintreten des Gerichts in Jahresfrist verkündet. Als die Gemeindeglieder hörten, daß der Tag des Herrn unmittelbar bevorsteht, erfaßte sie Furcht vor dem Gericht und Verzagtheit. Sie fingen an zu weinen und zu klagen, gaben das Arbeiten auf, ließen ihre Äcker unbestellt liegen und verkauften ihr Eigentum […]
[Es] tritt der Schreiber des zweiten Thessalonicherbriefes Schwärmern entgegen […].
Diesen wird gesagt, daß der letzten Zeit die vorletzte Zeit vorausgeht, die noch nicht eingetreten ist. Die Haltung des Christen ist weder eschatologisches Desinteresse noch fanatischer Endzeitglaube. […]
[Es werden] dem Ende zwei Ereignisse vorausgehen, an denen man erkennen kann, was die Weltenuhr geschlagen hat: Der große Abfall und das Erscheinen des mächtigen Verführers. Dieses letzte Stadium vor dem Ende ist noch nicht erreicht, weil beides noch nicht eingetreten ist. […]
Wie Antiochus Epiphanes IV. die Juden zum Abfall verleitete, so wird es unmittelbar vor dem Ende ein übermächtiger Mensch tun, den man später den Antichristen genannt hat, der aber 2.Thess. 2 diesen Titel nicht trägt. […]
Wenn von dem Menschen der Gesetzlosigkeit und dem Sohn des Verderbens, dem Wiedersacher Gottes, gesagt wird, daß er sich in den Tempel Gottes setzt, so ist mit Tempel Gottes weder an das Heiligtum in Jersualem noch an eine heidnische Kultstätte, weder an einen Platz im Himmel noch an die christliche Gemeinde gedacht […] sondern mit traditionellen Bildern und Formulierungen wird ausgedrückt, daß der große Frevler vor aller Welt demonstriert, er verdränge Gott und setzt sich selbst in den Tempel und nimmt den Platz Gottes ein. […]
Wenn Christus erscheint braut er, um ihn zu vernichten, weder ein großes Kriegsheer noch starke Engelscharen einzusetzen. Ein Hauch seines Mundes genügt, um den ganzen Spuk zu beseitigen.

Eine, dieser Ansicht entgegengesetzte, Auffassung finden wir bei N.T. Wright, welcher diese Passage auf 70n.Chr auslegt.

Paul does not suppose that these events are the final ones. If ‘the day of the Lord’ meant ‘the end of the world’, the Thessalonians would not need to be informed of such an event by letter! The Old Testament prophets used ‘the day of the Lord’ to refer to catastrophes that befell Jerusalem within continuing history.[…] Shortly before Paul began his missionary journeys, there had been a major crisis in the Middle East. The Roman emperor Gaius Caligula, convinced of his own divinity, and angry with the Jews over various matters, ordered a huge statue of himself to be placed in the Temple in Jerusalem. Massive Jewish protests at all levels, and the anxious advice of his officers on the spot, failed to dissuade him from this provocative project. Only Gaius’s sudden murder in the January of ad 41 prevented a major disaster. The Roman-Jewish war of 66–73 might easily have begun 25 years earlier.
It looks as though Paul, aware of what had nearly happened, envisaged that sooner or later some other megalomaniac would have the same idea. He speaks of a ‘man of lawlessness’, who elevates himself to a position of divinity, exactly as the Roman emperors were beginning to do. Paul saw this danger on the horizon, and knew that such idolatry would conflict disastrously with the true God and his Temple in Jerusalem. Had Paul lived until ad 70 he would have recognized the initial fulfilment of his words in this passage. Evil must reach its height, and then meet sudden doom. The Roman empire itself would go through unimaginable convulsions: the death of four emperors in quick succession during 68 and 69, followed by the destruction of the Jerusalem Temple, would certainly qualify, in Old Testament terms, for the title ‘the day of the Lord’.
[…] What is clear, though, is Paul’s firm belief that a time was coming in which God’s judgment on the idolatrous world, and its blasphemous leaders, would be unveiled. Through this lens he sees, too, events further off, the final personal presence (the ‘parousia’) of Jesus, who will destroy all evil and put God’s just and truthful judgment into effect against those who had been taken in by lies great and small.
In particular, God will judge, during history and finally at the end of history itself, the imperial systems that put themselves in his place. There have been enough of these in our own recent past for us to see something of the way they operate, the deceits they weave, and the way in which people get caught up in the web of their lies. What Paul would have us urgently grasp is the fact that God remains sovereign over all, and will one day put all wrongs to rights, and bring all human empires under the rule and judgment of his own saving kingdom.

Beide Positionen haben eine gewisse Plausibilität. Wir dürfen es uns hier nicht zu einfache machen. Die Eschatologie ist vielschichtig und nicht mit schwarz oder weiß festzunageln.
Ich persönlich halte, aufgrund der m.E. nach starken Parallelen zwischen 1Thes 4 und 2Thes 2 die erste Position im Gesamten momentan für plausibler.
Die Frage wie sich dies im gesamtbiblischen Kontext einfügt darf man sich stellen und lädt ein zu weiteren Nachforschungen.