Benedikt XVI: Letzte Gespräche

Wenn ein Evangelikaler über einen katholischen Papst im Ruhestand schreibt, dann wird das sicher nicht ganz einfach. Schließlich sind Protestanten, zu denen die Evangelikalen gehören, in der Kirchengeschichte selten die engsten Verbündeten gewesen.
Es gab immer wieder Gespräche und Annäherungen, welche für gemischte Reaktionen sorgten.
Ich oute mich vorweg: ein Fan des Vatikans (im kirchenpolitischen Sinne) werde ich wohl nie. Auch gibt es zwischen meiner theologischen Sicht und der offiziellen Lehre der katholischen Kirche unüberbrückbare Differenzen.
Aber ich gebe gerne zu; Benedikt XVI hat mich durch seine Bücher fasziniert.
Durch sein Jesus-Buch wurde deutlich, dass er in einigen Dingen den Evangelikalen näher ist, als es vom einem Papst zu erwarten war.
Auch seine „Aushebelung“ des Fegefeuerdogma (siehe seine Eschatologie) ist bemerkenswert.

All dies macht es für mich spannend diesen Papst näher zu betrachten.
Die Möglichkeit bietet das aktuell erschienene Buch Letzte Gespräche, in dem Ratzinger zusammen mit Peter Seewald über Stationen im Leben des emeritierten Papstes spricht.

Der erste Eindruck ist: der Mann zieht ehrlich und selbstkritisch Bilanz. Ich sehe hier keinen selbstherrlichen Mann, der von sich selbst eingenommen ist, sondern ein Mann der demütig mit den Fragen des Glaubens ringt, der seine Fragen und Zweifel äußert. Ein Mann, von dem ich eine Liebe zu dem Wort Gottes meine zu spüren.

Wann lässt ein Papst schon tief in sein Leben hineinblicken?
Wann spricht er darüber, dass er selbst ein Mensch ist der die Vergebung so dringend braucht? Bendikt XVI berichtet in diesem Buch nicht von sich, als von einem hohen Heiligen. Er reflektiert sein Leben und seine Arbeit nüchtern und selbstkritisch.
Er gewährt Einblicke in seine Kindheit und Jugend. Seine Entwicklung vom Studenten zum Professor, von einem Konzilstheologen und einem, der Weitblick bewies, indem er der Gesellschaft die Gefahr der Heidnisierung deutlich machte.

Ratzinger berichtet auch von seinen letzten Monaten als Papst. Von den Überlegungen die ihn vom Rücktritt überzeugten und er geht auch auf aufkommende Gerüchte ein. Hintergrundinformationen, direkt vom Papst quasi.

Was bleibt bei diesem Buch hängen und was kann für evangelikale Theologen spannend sein?
Auffallend ist, der Papst, bzw. der Papst im Ruhestand, lässt deutlich werden, dass Christus seine Mitte ist. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger legt er keinen Marienschwerpunkt (eine katholische Ansicht scheint er hier dennoch zu haben).
Ebenso ist sein Papst-Verständnis beachtenswert. So müsse der Papst kein Übermensch sein. Er könne auch, wenn die Dinge im Frieden liegen, zurücktreten. Diesen habe er zudem nie bereut.
Benedikt lässt auch in seine Ekklesiologie einblicken. So gehe es nicht ohne die Überregionale Struktur, aber eben auch nicht ohne die Verantwortlichkeit der Ortsgemeinde.
Bemerkenswert halte ich auch seine Abhängigkeit von Christus.
So hält Ratzinger es für unerlässlich Gott um Weisheit zu bitten, ihn immer wieder im Gebet darum anzuflehen und auf ihn zu hören.
Da Ratzinger bei Evangelikalen sehr beliebt ist, muss auch gesagt werden, dass er dennoch kein Evangelikaler ist. Er ist und bleibt katholisch, ebenso seine Theologie. Dennoch sind einige Elemente vorhanden in denen er den Evangelikalen näher ist, als viele Theologen des evangelischen Lagers.
Mein Fazit dieses Buches lautet:
In den letzten Gesprächen gibt ein emeritierter Papst offene und persönliche Einblicke in sein Leben und Dienst. Das Buch hilft Ratzinger besser und vor allem als Mensch, zu verstehen. Es zeigt einen reflektierenden Mann, der von seiner Gottesabhängikeit sich getragen sieht.

Diese Buchbesprechung basiert auf einem Rezensionsexemplar, welches von Droemer Knaur freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde.

 

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