In der aktuellen Paulusforschung ist die Frage nach der Rechtfertigung eine der umstrittenen Fragen.
Im Rahmen der neueren Forschung (ab Sanders) gab es immer wieder die These, dass die Rechtfertigungslehre ein Nebenprodukt des Paulus war, die er für seine Missionstheologie brauchte. (Hier der Hinweis noch N.T. Wright sieht sie nicht als ein Nebenprodukt.)
Auf diese Frage geht Baltes auch ein, er schreibt dazu:

In ihrer Sprache und ihren Bildern stehen Jesus und Paulus an dieser Stelle diesen jüdischen Strömungen näher als das rabbinische Judentum. Das heißt aber, dass die Frage „Rechtfertigung des Sünders“ für das Judentum des ersten Jahrhunderts alles andere ist als nur ein „Nebenthema“. […] Es ist ein zentrales Thema für den jüdischen Glauben.

Zum großen Versöhnungstag schreibt er weiter: Die Sünde des Volkes wurden durch das Blut des Opfertieres „bedeckt“ (kippur), und gleichzeitig wurde die „Abdeckung“ (kapporet) der Bundeslade zum Ort der Versöhnung zwischen Gott und Mensch. […] Hier war für Juden der Ort, an dem sie Vergebung der Schuld empfingen […] Das ist daher die jüdische Botschaft von der Rechtfertigung aus Gnade: Denn es war ja keine Gerechtigkeit, die selbst verdient wurde. […]
An dieser Stelle liegt aber nun für Paulus das Zentrum des Evangeliums. Er nennt es „das Wort vom Kreuz“[…]
Die Rechtfertigungslehre des Paulus ist also eine zutiefst jüdische Lehre: Sie ist verankert im Herzen der Tora, in den Vorschriften zum Versöhnungstag, die die Mitte der fünf Bücher Mose bilden.  […] sie ist verankert im Herzen des jüdischen Kalender, in dem der Versöhnungstag der höchste Feiertag ist. […]
Gerade weil die Botschaft von der Rechtfertigung für Paulus nicht einfach nur ein „missionsstrategischer Kniff“ zur Gewinnung der Nichtjuden ist, sondern das Herz seiner Botschaft bildet und zugleich ins Herz des jüdischen Glaubens greift, muss es hier zum entscheidenden Konflikt kommen.

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Dieser Artikel basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir der Francke-Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.