Weihnachten und die Stammbäume Jesu

question-mark-1872665_1920Wer Matthäus und Lukas liest, der kann leicht irritiert werden, wenn er die beiden Stammbäume von Jesus vergleicht. Beide haben bekanntlich deutliche Unterschiede.
Haben wir hier einfach einen „ganz normalen Widerspruch“ in der Bibel? Hat einer der beiden Verfasser schlecht recherchiert, oder wollte Lukas, das zuvor geschriebene Matthäus-Evangelium korrigieren? Ist Lukas bei seiner Recherche ein peinlicher Fehler unterlaufen, oder warum gibt es diese Unterschiede?

Grds. halte ich es bei solchen Fragen weder für hilfreich schnell von Widersprüchen zu reden, noch nicht schlüssige Harmonisierungen durchzuführen.
Als Vorbemerkung: Beide Geschlechtsregister geben nicht die vollständige Nennung aller Namen an, es bleiben hier Lücken.

Im Folgenden möchte ich einige Ausleger zu Wort Kommen lassen.

Gerhard Maier schreibt hierzu:

Zunächst wirf Mt 1,16 insofern ein Problem auf, als hier Jakob als Vater Josefs erscheint. Lukas 3,23 nennt Eli als Vater Josefs. […] Man wird allerdings noch weitergehen und feststellen müssen, dass noch nicht einmal sicher ist, ob Jakob und Eli derselben Generation angehören. Würden sie verschiedenen Generationen angehören, dann bestünde zwischen Mt 1,16 und Lk 3,23 kein Widerspruch mehr.

John Nolland schreibt zu dieser Frage:

Attempts to harmonize the lists go back at least to Africanus (third century) who maintained that Jacob (Matt 1:16), being the uterine brother of Eli (their mother had been married to both Matthan [Matt 1:15] and Melchi [Luke 3:24—Africanus’ list lacked Matthat and Levi]), had married this man’s childless widow in a levirate marriage (Deut 25:5–10; cf. Ruth 4:1–10) and that Joseph was the first child of this union (as Matthew) but by levirate custom was reckoned as child of Eli (as Luke). The application here of levirate marriage to uterine brothers has been justly criticized […].
Another attempt at harmonization depends upon identifying a contrast in Luke 3:23 between “son, as was thought, of Joseph” (υἱός, ὡς ἐνομίζετο, Ἰωσήφ) and “actually son (i.e., grandson) of Eli” (τοῦ Ἠλί). Eli is then taken to be the father of Mary and the genealogy understood as actually that of Mary  […] Although ὡς ἐνομίζετο does raise problems (see Comment below) this solution must finally be judged to be an artificial harmonization.
The most attractive of the harmonizing solutions is that proposed by Holzmeister […]and cf. Nolle […] Holzmeister argues that Mary was an heiress (i.e., had no brothers) whose father Eli, in line with a biblical tradition concerned with the maintenance of the family line in cases where there was no male heir (Ezra 2:61 = Neh 7:63; Num 32:41 cf. 1 Chr 2:21–22, 34–35; Num 27:3–8), on the marriage of his daughter to Joseph, adopted Joseph as his own son. Matthew gives Joseph’s ancestry by birth, Luke that by adoption.
(Each of the harmonizing solutions offers some parallel suggestion to account for the fact that there are two fathers also for Shealtiel.)

William Barclay zeigt in seiner Auslegung des Neuen Testaments verschiedene Möglichkeiten der Deutung auf. Von symbolischen Stammbäumen bis hin zu Harmonisierungen. Sein Fazit ist:
Trotzdem bleibt uns nichts anderes übrig, als zuzugeben, daß wir Genaueres darüber nicht wissen.

4 thoughts on “Weihnachten und die Stammbäume Jesu

  1. Ach Johannes, schreibe weiterhin deinen Blog, das bringt mich immer zum Nachdenken, und das ist wirklich ein sehr wichtiger Beitrag für mich 🙂
    Ich habe in den letzten Wochen Francis Watsons „Gospel Writing. A Canonical Perspective“ gelesen. Er beschreibt darin in einer beeindruckend-weiten Weise eine Herangehensweise, wie man als Theologe der Gegenwart dem Phänomen des geschriebenen Evangeliums aus den Grund gehen kann (wirklich weit, bis zur Untersuchung des Eggerton Gospels als möglicher Quelle des Joh oder umgekehrt). Darin beschreibt er, in Abgrenzung zur klassischen „Zwei Quellen Hypothese“ eine Abhängigkeit des Lk von Mk und Mt, und gerade diese als ein „Korrigieren“, ohne dabei die theologischen Fragen aufzuwerfen.
    Die Grundthese ist: Wenn wir die einzelnen Evangelisten selbst zu Wort kommen lassen wollen, und nicht auf historische Fragen herunterbrechen, kommen wir nicht darum herum, dass der Autor des Lk seinen Vorgängern hin und wieder widerspricht – also, im Sinne von: Ich sehe das etwas anders.
    Fand das äußerst interessant zu sehen, wie Watson dann eine gewisse Dynamik herausarbeitet, die sich zwischen den Evangelien entwickelt, wenn man diese selbst zu Wort kommen lässt.

    Das ist kein Widerspruch zu deinem Artikel, eher ein Hinweis für eine weitere Lektüre, wenn du willst 🙂
    Und wo ist Bock bei den Auslegern? Lk ohne Bock? Erschreckend! 🙂

    Liebe Grüße
    Marcus

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    1. Danke Marcus!
      Das ist auch ein spannender Ansatz!
      Ich muss mir das Buch auch mal reinziehen…

      Ja, den Bock habe ich nicht in meiner privat-Bib drinnen. Noch nicht. Ich habe leider nur etwas unter 400 Kommentar-Bände 😉

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  2. Ich habe den Eindruck gehabt – aber auch nur während des Studiums, als ich auf beide Kommentare zugriff hatte – dass sich der NIVAC erübrigt, wenn man den dicken BEC hat.Was diese AC Reihe ja bietet ist der Überschlag in die Gegenwart, aber ich fand das nie so sehr hilfreich, weil da irgendwer vor teilweise 20 Jahren in irgendeine gesellschaftliche Gegenwart überschlagen hat. Nur missachtet das die Dynamik, die das Predigen des Wortes Gottes ja in der Gemeinde haben sollte. Durch das Hören auf den Puls der Gemeinde die Hoffnung des Wortes in die Situation sprechen – ganz anderes Thema natürlich 😀

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