Dieses Jahr wird das Reformationsjahr gefeiert. Martin Luther ist In. Autoren wie Petra Gerster, Andreas Malessa bis hin zu Eugen Drewermann oder Kardinal Walter Kasper, sie alle schrieben über Luther. Unzählige weitere Bucherscheinungen habe ich allein in dem letzten Jahr registriert, teilweise mit gemischten Gefühlen. Bei zu vielen der Titel, oder auch der Buchvorstellungen kamen mir Erinnerungen an ein Ergebnis von Schweizers „Geschichte der Leben-Jesus Forschung“ hoch. Mir erschien es, dass jeder ein Bild von Luther zeichnete, in welches die eigenen Wünsche und Vorstellungen hinein projektiert worden sind.

Diese Vorurteile (ob sie nun begründet sind oder nicht) habe ich ein Stück weit auch für das Buch „Martin Luther. Aus Liebe zur Wahrheit“ in meinem Hinterkopf behalten. Meine Befürchtung war, dass hier Luther möglicherweise (ungewollt) zu einem Evangelikalen gemacht werden könnte.

Rezension zu: Berthold Schwarz (Hrsg.), Martin Luther. Aus Liebe zur Wahrheit. Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft 2016.

Die Makro-Perspektive: Mein erste Eindruck
Dieses Buch beschreibt in erster Linie nicht das Leben von Martin Luther, sondern in großen Stücken Luthers Theologie und Grundverständnisse und teilweise auch dessen Auswirkungen. Nach einer kurz gehaltenen historischen Einführung folgen 5 Hauptteile, gefolgt von einem Epilog. Die Hauptteile sind in die 4 „Sola’s“ unterteilt (Christus, Schrift, Gnade, Glaube) und in „Alles zur Ehre Gottes“. Diese Themen wurden von verschiedensten Autoren, in einem bunten Mix von Beiträgen vertieft. Insgesamt haben in diesem Buch 22 Autoren mitgeschrieben.
Der erste Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass hier die verschiedensten Aspekte des Glauben und Denken von Martin Luther behandelt werden sollen. Grundlegende Themen wie Luthers Rechtfertigungsverständnis, heiß diskutierte Themen wie Luthers Schriftverständnis, aber auch Fragen des Einflusses von Luther auf den Staat, die Musik und die Kunst, werden behandelt. Sehr erfreulich war für mich, dass besonders schwierige Bereich von Luther nicht ausgeklammert worden sind. So gibt es ein Beitrag von Berthold Schwarz über Luther und die Juden, sowie ein Beitrag von Gottfried Hermann über Luthers Verhalten gegenüber den Täufern.

Die Mikro-Perspektive: Die einzelnen Beiträge
Auffallend ist insgesamt, dass die Beiträge sich sowohl in der Qualität, als auch in ihrer Lesbarkeit unterscheiden.
Bei der Lektüre des Buches haben mich besonders die Beiträge interessiert die sich entweder mit schwierigen Luther-Fragen auseinandersetzten, oder Überlegungen wie Luthers Einsichten für die heutige Lebenswirklichkeit relevant gemacht werden können.
Für diese Rezension greife ich exemplarisch auf drei Beiträge zurück.

Für besonders gelungen halte ich den Beitrag „Luther, das Evangelium der Gnade und die Juden“ (von Berthold Schwarz). Dieses Thema wird, nach meiner Beobachtung, sehr oft unausgewogen behandelt. Während die einen Luther ohne Unterlass verteidigen, wird er von anderen komplett verdammt.
Dieser Beitrag wirkt dagegen ausgewogen und unaufgeregt. Es wurde hier der Versuch unternommen Luthers Motivation und Beweggründe nachzuzeichnen, welche ihn in seiner Lebenswelt zu der Verfassung solcher Aussagen bewogen haben. Neben dem damaligen historischen Kontext, wird der Wandel von Luther, gegenüber den Juden, mit Verweisen auf Texte Luthers, nachgezeichnet; bis hin zu den Eskalationen, welchen die berühmt-berüchtigten Schriften folgten. Schwarz erwähnt auch Reaktionen von Luthers Mitstreiter, welche, wie Melanchthon, über diese Aussagen entsetzt waren.

Ein guter Diskussionsbeitrag ist „Die Sache mit der strohernen Epistel – War Luther ein Bibelkritiker“ (von Jung und Schwarz).
Zu Beginn habe ich meine Vorurteile gegen Luther-Bücher angeführt. Bei diesem Beitrag war ich nun diesbezüglich besonders gespannt. Während in manchen Diskussionen Luther, von liberaleren Theologen, schon fast als Patron der Bibelkritik aufgeführt wird, störte es mich auf der anderen Seite, wenn von unserer evangelikalen Seite Luther wie ein Unterzeichner der Chicagoer-Erklärung behandelt wurde.
Als ich den Beitrag gelesen hatte, war ich nicht nur erleichtert, dass dieses Vorurteil nicht zugetroffen hatte, vielmehr fand ich diesen Artikel inspirierend für weitere Diskussionen. Die Autoren schafften es ein umfassenderes Bild von Luther zu zeichnen, indem sie seine gegensätzlichen Aussagen nebeneinander stehen lassen, ohne diese künstlich zu harmonisieren.
Eine Handhabung welche manch einem Autor sicher gut stehen würde.

Allerdings haben mich nicht alle Beiträge begeistert. Nachdem ich „Luther und die Toleranz – Sein Verhalten gegenüber den Täufern“ (von Gottfried Herrmann) gelesen hatte, drängte sich mir die Frage auf, ob hier nicht der Wunsch, Luther von den Vorwürfen freizusprechen, den Artikel zu stark beeinflusst hatte.
So wurde geschrieben, dass Luther für Glaubens- und Meinungsfreiheit plädierte, solang diese Diskussionen gewaltlos waren (in dem Beitrag schwingt die Aussage mit, dass das ein Hauptgrund der Täufer-Verfolgung eine Verquickung mit gewalttätigen Strömungen war). Zusätzlich sollte der Staat (lediglich) bei Lästerungen einschreiten. Herrmann vergleicht die Grenzen der Toleranz bei Luther (welche dann griff, wenn Gewalt im Spiel war, oder die Gesellschaftsordnung in Frage gestellt wurde) mit den „Toleranzgrenzen“ unserer Gesellschaft, wenn gegen Hasskommentar in soziale Medien, oder der Verbreitung von NS-Gedankengut, vorgegangen wird. In diesem Zusammenhang lässt die Erwähnung von Luthers, an die Schrift gebundene Gewissensfreiheit, am Ende des Beitrages, bei mir die Frage aufkommen, warum diese Freiheit nicht für die Täufer galt, welche nicht die Kindertaufe anerkannten. Eine Antwort gibt dieser Artikel hierzu nicht.

Der zweite Eindruck
Wie Oben erwähnt, ist das Buch ein vielschichtiger Beitrag zu der Frage nach Luthers Glauben und Denken. Auch wenn die einzelnen Beiträge von mir unterschiedlich wahrgenommen und beurteilt wurden, halte ich es insgesamt in weiten Stücken für gelungen, da es sich von verschiedenen Seiten Luther annähert, und Lust macht, mehr über diesen Reformator zu erfahren und seine Theologie zu diskutieren.

Dieser Artikel basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir die Christliche Verlagsgesellschaft freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.