Rezension: Glaubwürdig aus guten Gründen

Rezension zu Ulrich Wendel [Hg.], GLAUBWÜRDIG AUS GUTEN GRÜNDEN. Holzgerlingen, SCM-R.Brockhaus, 2017.

Viele Diskussionen, die in der evangelikalen Welt zu beobachten sind, haben ihre Wurzel im Schriftverständnis.
Ob es die heißen ethischen Fragen sind, oder auch dogmatische Grundlagen. Sie alle hängen damit zusammen ob und wie die Bibel als das inspirierte Wort Gottes verstanden wird.
Aber wie ist nun die Bibel zu verstehen? Ist jedes Wort direkt von Gott? Verarbeiten Menschen ihre Erfahrungen mit Gott?
Braucht die Bibel ähnliche Eigenschaften wie Gott z.B. Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit?
Nach meiner Wahrnehmung wurde in unserer evangelikalen Welt das Thema des Schriftverständnisses oft vermieden. Entweder weil man hoffte auf irgendeiner Weise doch einig zu sein, oder um unangenehme Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Hinzu kommt, dass immer häufiger auch öffentlich in Frage gestellt wurde, dass die Bibel Gottes Wort sei und dies auch vermehrt in freikirchlichen Bereichen hörbar wird.
Aufgrund vielfältiger Diskussionen in jüngster Zeit wird deutlich, dass dieses Thema auf die Tagesordnung gehört.

Eine Sammlung vielfältiger Auffassungen
Das Buch ist ein Sammelband von den Aufsätzen 13 verschiedener Autoren. Eine besondere Gliederung ist nicht erkennbar, jeder Aufsatz kann somit unabhängig von den anderen Beiträgen gelesen werden.
Eine offensichtliche Beobachtung ist, dass die Auffassungen zur Frage der Inspiration der Bibel, je nach Verfasser unterschiedlich stark auseinander gehen. Von Aufsätzen in Richtung der Chicago-Erklärung, bis hin zu einem eher freien Umgang mit der Frage der Inspiration (welche ich in die Kategorie gemäßigt historisch kritisch einordnen würde) verläuft die Bandbreite.
So plädiert F. Jung für die Irrtumslosigkeit der Bibel, indem er darauf verweist, dass der Heilige Geist keine Irrtümer eingebe, bzw. sie nicht von Gott diktiert werden können (er sieht allerdings nicht die Persönlichkeit des Verfassers bei der Inspiration ausgeschalten). Für ihn gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Bibel Gottes unfehlbares Wort, oder sie ist ein religionsgeschichtliches Dokument.
Andere Autoren sehen die Bibel keineswegs als irrtumslos, vielmehr wird argumentiert, dass Gott seine Botschaft „menschlicher Hör- und Sehschwäche anvertraut“. Es wird argumentiert, dass z.B. Zahlenangaben auf eine Wahrheit hinter den Angaben hinweisen. Dass die Bibel dem Reden Gottes als Transportmittel dienen kann. Dass die Schrift verschiedene Lehren über Gott nebeneinander stehen lassen kann, usw.
Zwischen diesen beiden Polen befinden sich viele der Autoren.
Besonders lesenswert war für mich der Beitrag von Guido Baltes „Die Entmythologisierung der Bibelwissenschaft“. Hier plädiert er für einen kritischen Umgang gegenüber einem Bibel-Skeptizismus. Er erklärt, warum er der Bibel vertraut, warum er davor warnt vorschnell von Widersprüchen zu reden und wie manche schwierig klingenden Stellen stehen gelassen werden müssen.
Armin Baum behandelt verschiedene Arten der Inspiration und ihr Verhältnis zueinander.
Und Michael Diener greift in einem angriffslustigen Ton das Bibelverständnis innerhalb der EKD an.

Ein Beitrag zu einer überfälligen Diskussion
Dieses Buch kann als ein Beitrag zur Diskussion wahrgenommen werden. Wer dieses Buch liest kann sicherlich nicht allen Positionen zustimmen, schon allein weil die Autoren selbst die verschiedensten Positionen einnehmen. Es werden sicherlich Postionen darunter sein, die als problematisch anzusehen sind.
Als ich das Buch las, fand ich es zum einen wertvoll herauszufinden, was den jeweiligen Autor zu seinem Schriftverständnis bewogen hat. Dies kann bei den notwendigen innerevangelikalen Diskussionen und Gesprächen sehr hilfreich sein.
Bei manch einem Autor war die Argumente sehr an der Sache orientiert, andere Autoren berichteten von persönlichen Erfahrungen, die ihr Bibelverständnis prägten.

Fazit
Das Buch war spannend und informativ. Es machte mir persönlich deutlich, wie notwendig das Ringen um die Frage des Schriftverständnisses ist.
Auf der einen Seite waren einige vertretene Auffassungen auch ernüchternd, da sie auch sichtbar machen, wie groß die Diskrepanz zur früheren Auffassungen in der Inspirationsfrage geworden ist.
Auf der anderen Seite haben sie geholfen die jeweiligen Autoren, mit ihren Beweggründen besser zu verstehen.
Ich hoffe, dass dieses Buch erst der Anfang einer notwendigen Diskussion ist.
Es gilt: Wir müssen miteinander reden.


Dieser Artikel basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir der SCM-R.Brockhaus Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
Weitere Buchbesprechungen siehe hier.
Pool zur Frage der Inspiration siehe hier.

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