Heiliger Geist, menschliche Vernunft und Exegese

Aktuell genieße ich die Dogmatik von Joest & von Lüpke. Darin schreiben die Autoren auch über die Frage wie die Bibel richtig verstanden werden soll.
Sie schreiben über die Wirkung des Heiligen Geistes beim Verstehen der Bibel, über rein menschliche Vernunft und wie Demut und Abhängigkeit vom Heiligen Geist notwendig sind:

Wie jede Interpretation steht auch eine auf den Heiligen Geist achtende theologische Auslegung in der Gefahr, das je eigene Vorverständnis zur Norm zu erheben und somit auszuschließen, was dieser Norm nicht entspricht. Insbesondere ist hier das Problem zu sehen, dass der Heilige Geist mit der auszulegenden Vernunft gleichgesetzt wird. Was der Heilige Geist ist und was er wirkt, wird dann kritisch an dem bemessen, was die Vernunft in theoretischer, moralischer und religiöser Hinsicht als Ideal ansieht. Wird hier der Heilige Geist geradezu zum Doppelgänger der allgemeinen menschlichen Vernunft, so ist demgegenüber vom biblischen Zeugnis her gerade die Fremdheit, das Anderssein des Heiligen Geistes zu betonen. Dieser kommt zum Menschen, der von sich aus gerade nicht über ihn verfügt. […]
Auch er [Anm. Der Heilige Geist] erwählt, was töricht ist vor der Welt, um die Weisen zuschanden zu machen (1Kor 1,27).

Und später schreiben sie über das Verständnis von Karl Barth:
Das Wort Gottes – so Barth – ist für den Menschen überhaupt nicht uns zu keiner Zeit verstehbar; es wird verstanden, wenn Gott selbst, der Heilige Geist, im Menschen Hören und Verstehen wirkt.
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Evangelikale Heiden?

Wayne Grudem stellt in seiner Biblischen Dogmatik eine definitiv provokante These auf.  Er schreibt von einer Gefahr von „unbekehrten Evangelikalen“. Auf der einen Seite provozieren diese Äußerungen, auf der anderen regen sie auch zum nachdenken an. Ausgehend von der Lehre der Unverlierbarkeit der Errettung schreibt er:

Obwohl ein echter Christ, der sündigt, seine Rechtfertigung oder Adoption vor Gott nicht verliert […], muss eine klare Warnung ausgesprochen werden, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer evangelikalen Gemeinde und äußerliche Anpassung an akzeptierte „christliche“ Verhaltensmuster die Errettung nicht garantiert. Insbesondere in Gesellschaften und Kulturen, wo es leicht vorkommt (oder sogar erwartet wird), dass Menschen bekennen, Christen zu sein, besteht eine realistische Möglichkeit, dass manche sich der Gemeinde anschließen, die keine echte Wiedergeburt erlebt haben. Wenn solche Leute dann in ihrer Lebensweise Christus immer mehr ungehorsam werden, sollten sie nicht mit trügerischer Selbstgefälligkeit beschwichtigt werden, indem ihnen versichert wird, dass sie ja immer noch die Rechtfertigung oder die Adoption in die Familie Gottes hätten. Eine konsequente Lebensweise des Ungehorsams gegen Christus, verbunden mit einem Mangel der Elemente der Frucht des Heiligen Geistes, die in Liebe, Freude, Friede, usw. besteht (siehe Gal 5,22-23), ist ein Warnsignal dafür, dass die Person innerlich wahrscheinlich kein wahrer Christ ist, dass vom Anfang her wahrscheinlich kein echter Herzensglaube und kein Werk des Heiligen Geistes mit der Wiedergeburt vorhanden war.

 

Legal, egal, … – Dogma und Wahrheit?

etc-682613_1280Mit der Überschrift „Die Häresie der Gleichgültigkeit“ erschien bei E21 ein Artikel von Burk Parsons in dem u.a. diese Zeilen zu finden sind:

Wenn mir Menschen sagen, sie lieben Jesus aber haben es nicht so mit der Lehre, dann antworte ich ihnen: Wer die Lehre nicht liebt, der liebt auch Jesus nicht. Wir können Jesus nicht fernab von der rechten Glaubenslehre erkennen und deshalb können wir Gott auch nicht lieben, wenn wir ihn nicht erkannt haben. Der Weg zur wahren Gotteserkenntnis führt über die Auseinandersetzung mit seinem Wort. Geistliche Lehre stammt von Gott; lehrt uns über Gott und führt uns im Glauben zurück zu Gott, nämlich in die Anbetung, Dienstbereitschaft und Liebe. Die Gleichgültigkeit gegenüber geistlicher Lehre ist gleichzusetzen mit der Gleichgültigkeit gegenüber Gott. Und Gleichgültigkeit gegenüber Gott ist gleichzusetzen mit der Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen ewigen Schicksal.

Pastoren die diesen undogmatischen Umgang mit Lehrfrage für „cool“ und angebracht halten, also jene, die die Notwendigkeit und Wichtigkeit rechter Lehre runterspielen und in ihren Predigten unzulänglich darlegen, versäumen in Wirklichkeit die Chance, das weiterzugeben, was die Seelen ihrer Zuhörer zu erretten vermag. Biblische Lehre unklar zu vermitteln oder deren Wichtigkeit herunterzuspielen ist weder cool noch zeitgemäß und sicher nicht demütig, sondern im Gegenteil schlichtweg arrogant. Nichts ist von größerer Bedeutung und lehrt uns mehr Demut als die rechte Lehre. Nichts richtet unsere Augen schneller weg von uns zur Liebe und Gnade Gottes hin, als die Lehre, die von Gott selbst herkommt.

Die rechte Lehre dient jedoch keinem Selbstzweck, sondern sie hilft uns, Gott zu erkennen, zu lieben, anzubeten und zu verehren, so wie er ist. Weniges wünscht sich der Teufel mehr als Gemeindeglieder, die sich im Lehrstreit so geradlinig wie ein Schusswaffenlauf geben, aber sich bei deren Anwendung als krumm erweisen. Einen Lehrsatz richtig zu verstehen, bedeutet, ihn richtig anzuwenden. Wenn wir die Lehre von unserem Leben trennen, führt sie uns in den Tod. Gott aber hat uns die Lehre, die aus seinem inspirierten Wortes entspringt, gegeben, damit wir dadurch lernen mögen, Ihn mit allem, was wir sind und unseren Nächsten wie uns selbst, zu lieben. Darum müssen wir im Umgang mit Lehrfragen unbedingt dogmatisch sein – nicht barsch, sondern demütig, indem wir uns darum bemühen, zu verstehen, zu lehren und zu verteidigen, was der heilige und liebende Gott, der sein Leben für uns gegeben hat, über sich selbst offenbart hat

Weiter möchte ich den Artikel gar nicht kommentieren – die Aussagen sind es wert ernstgenommen zu werden, zu diskutieren und bzgl. unseres Lehrverhaltens zu reflektieren.