Evangelikale Heiden?

Wayne Grudem stellt in seiner Biblischen Dogmatik eine definitiv provokante These auf.  Er schreibt von einer Gefahr von „unbekehrten Evangelikalen“. Auf der einen Seite provozieren diese Äußerungen, auf der anderen regen sie auch zum nachdenken an. Ausgehend von der Lehre der Unverlierbarkeit der Errettung schreibt er:

Obwohl ein echter Christ, der sündigt, seine Rechtfertigung oder Adoption vor Gott nicht verliert […], muss eine klare Warnung ausgesprochen werden, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer evangelikalen Gemeinde und äußerliche Anpassung an akzeptierte „christliche“ Verhaltensmuster die Errettung nicht garantiert. Insbesondere in Gesellschaften und Kulturen, wo es leicht vorkommt (oder sogar erwartet wird), dass Menschen bekennen, Christen zu sein, besteht eine realistische Möglichkeit, dass manche sich der Gemeinde anschließen, die keine echte Wiedergeburt erlebt haben. Wenn solche Leute dann in ihrer Lebensweise Christus immer mehr ungehorsam werden, sollten sie nicht mit trügerischer Selbstgefälligkeit beschwichtigt werden, indem ihnen versichert wird, dass sie ja immer noch die Rechtfertigung oder die Adoption in die Familie Gottes hätten. Eine konsequente Lebensweise des Ungehorsams gegen Christus, verbunden mit einem Mangel der Elemente der Frucht des Heiligen Geistes, die in Liebe, Freude, Friede, usw. besteht (siehe Gal 5,22-23), ist ein Warnsignal dafür, dass die Person innerlich wahrscheinlich kein wahrer Christ ist, dass vom Anfang her wahrscheinlich kein echter Herzensglaube und kein Werk des Heiligen Geistes mit der Wiedergeburt vorhanden war.

 

Die Armen im Lukasevangelium

people-844213_1920In der Synagoge von Nazareth las Jesus folgenden Text vor:

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit auszurufen und Blinden, dass sie wieder sehen, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen ein angenehmes Jahr des Herrn.“ (LK 4,18-19)

Die Frage ist nun, wer die Armen sind, denen die Freudenbotschaft proklamiert werden soll? Will Jesus hier ein (politisches) Programm für materiell Arme machen, ihnen aus ihrer Armut heraushelfen, oder geht die gute Botschaft des Evangelium hauptsächlich an materiell Arme?
Volker Gackle schreibt Folgendes dazu:

Immer bezeichnet Jesus die „Zöllner und Sünder“ als Adressaten seiner Sendung. Es sind jene, die mit der Verachtung der jüdischen Gesellschaft rechnen konnten: die Steuereinnehmer, die Zöllner, die Hirten, die Huren usw. Auf der anderen Seite werden auch die Anhänger Jesu als die Kleinen, ja sogar als die Kleinsten und als die Einfältigen bezeichnet. Jesu Anhängerschaft sind die Sünder, die ihm nachfolgen, das ist das am ha-arez, das Volk des Landes, das sich entweder der Ignoranz der Sadduzäer oder der herablassenden Belehrung der Phärisäer sicher sein konnte. Es sind die Ungebildeten und Unwissenden, deren moralisches Verhalten ihnen den Zugang zum Heil verbaute. Sie sind die Armen, die in den Seligpreisungen bei Matthäus als die „geistlich Armen“ bezeichnet werden, bei Lukas in direkter Anrede an die Jünger als „Ihr Armen“. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen, dass es sich auch um materiell Arme handelt – im Gegenteil –, aber darauf liegt nicht der Ton. Es sind die Gedemütigten, die Armen vor Gott, die geistlichen Bettler, mit denen wir es hier zu tun haben. Dieser Kreis der „Armen“ ist weit größer als die materiell Armen unserer Tage. Wird dieser Hintergrund begriffen, dann fügt sich das Nazareth-Manifest auch kongruent in die Verkündung und das Wirken Jesu ein, wie es uns in den Evangelien berichtet wird. Will man aber in diesen Versen einen sozialrevolutionären Aktionsplan sehen, dann bleibt das Wirken Jesu unverständlich und widersprüchlich.

Exodus und Erlösung

pyramids-685189_1280Hängt der Exodus mit dem Begriff der Erlösung zusammen? Der Begriff „גאל“ (ga’al), welcher erlösen bedeutet, wird in Exodus 6,6 von Gott verwendet. Wir wollen uns nun damit auseinandersetzen, ob der Exodus den Begriff der Erlösung im NT verdeutlicht, aufgegriffen und ggf. neu gefüllt wird.

In Exodus 12ff wird der Exodus und die Erlösung als die Befreiung aus der Sklaverei mit dem Ziel ein Volk zu sein, welches ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein soll (Ex 19,6). Somit hatte die Erlösung geistlichen, aber auch politischen und sozialen Charakter.

Kann der Exodus als Modell für die Erlösung durch Christus verstanden werden, also als einen Interpretationsrahmen dafür?
Während im AT häufig auf den Exodus Bezug genommen wird (Auf die weitere Interpretation in den Propheten des AT kann in diesem Artikel nicht eingegangen werden), sind die Rückschlüsse im NT nicht so oft vorhanden.
In Matthäus 2,15 finden wir Folgende Textpassage: und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«
Dies ist ein Zitat aus Hosea 11,1: Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten. 
Stefan Felber schreibt im „Themenbuch zur Theologie des Alten Testaments“ dazu Folgendes:

Das Hosea-Zitat klingt bei Matthäus zunächst wie eine Umdeutung des historischen oder literalen Sinnes. Denn beim Begriff „Sohn“ haben kundige Leser gemäß Ex 4,22f an das Volk Israel gedacht. Für Matthäus, dessen Deutung auch für jüdische Ohren plausibel sein sollte, war es keine Umdeutung, sondern die Aufdeckung der Sinnweite des heiligen Textes bzw. der ihm eigen – d.h. nicht erst von Matthäus hinzugefügten (relecture) – geistigen Dimension. Diese entspricht insofern dem ursprünglichen Kontext des Zitats, als Hos 11 selbst ein bekehrendes göttliches Eingreifen erwartet (V. 10f).

In Christus (bzw. in ihm und dem Zwölferkreis) konstituiert sich, so die implizierte Botschaft, das neue Israel. Dieses neue Israel ist aber nicht anders denkbar als selbst vom alten Israel herkommend (und um das Judentum werbend).Jesus, der Gesalbte […] geht den Weg mit den Erzvätern nach Ägypten und mit den Stämmen aus Ägypten wieder in das verheißene „Land Israel“. Sicher sind nicht alle Einzelzüge des Lebens Jesus für die deutende Vernunft penibel auf alttestamentliche Vorbilder beziehbar. […]
Die Erlösung aus der ägyptischen Sklaverei wurde, wie oben gesagt, zum Hoffnungsmodell […]. Im Neuen Testament ist Mose λυτρωτής, Erlöser Israels aus Ägypten (Apg 7,35; vgl. Lk 1,68; 2,38), und analog kam Christus als λύτρον (Mk 10,45 par) zur ἀπολύτρωσις (1Kor 1,30), damit die Sünden vergeben werden (Röm 3,24f; Eph 1,7; Hebr 9,15).