„Gräuel der Verwüstung“

In den sogenannten Endzeitreden Jesu, welche in den synoptischen Evangelien wiedergegeben sind, kommt das (oder der) Gräuel der Verwüstung (oder der Entweihung) vor.
Die Frage stellt sich wer oder was damit gemeint sein könnte.
Ich möchte 4 (streng genommen 3,5) Alternativen vorstellen (Auf den Ursprung des Begriffs im Daniel möchte ich hier nicht eingehen).

1. Die Entweihung eines endzeitlichen Tempels durch den Antichristen
Diese Sichtweise wird im Dispensationalismus vertreten.
So sieht z.B. Fruchtenbaum darin den Antichristen, der in der „zweiten Hälfte der Türbsal“ sich im Allerheiligsten des (neu errichteten) jüdischen Tempel niederlässt und sich selbst zum Gott erklärt. Danach, so Fruchtenbaum, wird sein Standbild im Allerheiligsten des Tempels aufgestellt.

2. Die Zerstörung des Tempels durch die Römer
Die Römer zerstörten 70n.Chr. den Tempel. Dabei haben sie auch ihre Standarten dabei. Nach dieser Auslegung, ist die Zerstörung und/oder die götzenartige Standarten, das Gräuel der Verwüstung/Entweihung. Der Tempel, samt dem Allerheiligesten wurde von den Römern betreten, somit entweiht und anschließend in Flammen gesetzt und zerstört.
Wie die Nachfolger Jesu, nach diesen Ereignissen noch fliehen sollten (konnten) bleibt offen.

3. Die Entweihung des Tempels während des Aufstandes der Zeloten
Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet davon, wie die Zeloten, nach ihrer Einnahme von Jerusalem, selbst einen eigenen „Hohepriester“ im Tempel einsetzten. Dieser durfte schon aufgrund der Abstammung nicht Hohepriester werden (Handlung gegen das mosaische Gesetz) und hatte nicht die Kenntnis wie er im Heiligtum sich zu verhalten hatte. Dazu wurde im Tempel, von den Zeloten, ca. 8500 Menschen umgebracht, der Hohepriester wurde erstochen und über die Mauer herabgeworfen. Dies alles war für die jüdische Bevölkerung ein ungeheuerlicher Frevel an dem Tempel.
Tatsächlich flohen die Christen der Stadt, kurz nach diesem Ereignis, nach Pella, aufgrund der Angaben in der „Endzeitrede“ Jesu und wurden so vor der Zerstörung Jerusalems, die 70n.Chr. geschah, bewahrt.

4. Die Kombination von 1 und 2
Manche Kommentatoren (z.B. Bayer HTA) schlagen vor, dass diese Aussage in der „Endzeitrede“ proleptisch in der Zerstörung des Tempels antizipiert wurde. Endgültig werde diese Prophezeiung sich durch die Anmaßung des Antichristen, unter den Jüngern Jesu, welche ein kollektiver Tempel seien, erfüllt werden, wenn dieser die Stellung Gottes einnehmen wollen wird.
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Über die Endzeitrede predigen

Wie soll über die Endzeit oder über die Endzeitrede Jesu gepredigt werden?
Bei E21 bin ich auf folgenden Ratschlag gestoßen:

Ein weiser Prediger, der es mit diesem Text zu tun hat, wird einen besonderen Wert auf diesen Aspekt legen. Wenn Jesus Anweisungen hinsichtlich zukünftiger Ereignisse gibt, ist es nicht sein Ziel, unsere Neugier zu sättigen oder alle unsere spekulativen Fragen zu beantworten. Stattdessen ist es sein Ziel, sein Volk zu beschützen, zu führen und auszurüsten. Jesus hat sich relativ wenig mit der Frage nach dem „Wann“ beschäftigt. Sein Fokus lag auf der Frage: „Wie können wir treu im Glauben leben?“ Eine Predigt über diese Art von Texten sollte von Jesu Sorge um das Wohl und das Ausharren der Gemeinde geprägt sein. 

EndZeit – weitere Überlegungen

Erst kürzlich habe ich den Artikel „Das Ende der Endzeit…“ veröffentlicht.
Darin schrieb ich u.a.
Bis dahin war deutlich, es gibt etwas, was der Wiederkunft Christi noch im Weg steht. Bis 70n.Chr.
Danach ist das “alles” geschehen. Von diesem Zeitpunkt an, kann Jesus jederzeit wiederkommen. D.h. es sind keine weiteren “Gog – Magog” Zeichen für Jesu Wiederkunft nötig, nicht einmal das Erstarken der EU.

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist m.E. der Text in 2.Thessalonicher 2, 1-12. Gemäß Carson und Moo wurde der Brief Ende 50/ Anfang 51n.Chr. verfasst.
Hier schreibt Paulus davon, dass bevor die Ankunft des Herrn geschehen wird, der Mensch der Bosheit auftreten muss und sich in den Tempel Gottes setzten wird, Anbetung verlangen wird und schlussendlich von Christus, am Tag seiner Ankunft (vgl. Parallele zu 1Thes 4) beseitigt wird.
Bedeutet dies, dass es vor der Wiederkunft Christi einen Antichristen geben wird, der sich in den 3.Tempel in Jerusalem setzen wird? Muss also erst wieder der Tempel aufgebaut werden, bevor Jesus wiederkommen kann?
War zu der Zeit der Abfassung des 2Thes die Voraussetzung für die Wiederkunft Christi, dass zuerst der Tempel zerstört wird und dann im wiederaufgebauten Tempel der Antichrist sich hineinsetzen wird?

Wenn wir 1Thes 4-5 und 2Thes 2 als selbiges Ereignis sehen, wofür die Wortwahl m.E. gute Argumente liefert, wie die Oben genannte Deutung in gewisser Maßen zu hinterfragen, oder ergänzen sein. Das 1Thes 4 von der Auferstehung der Toten und dem Entgegengehen zu Christus, bei seiner Ankunft, spricht, dürfte unumstritten sein.
Auch 2.Thes 2 spricht von der Ankunft Christi, bei dem er die Person, welche sich in den Tempel anbetungsfordernd setzte, beseitigen wird. Interessant ist die Frage inwiefern 2Thes 2 mit Offb 19,11ff in Verbindung zu sehen ist.

Ich möchte zwei Positionen zu der Auslegung von 2Thes 2 zitieren. Zuerst Gerhard Friedrich (NTD-Kommentar) und anschließen N.T. Wright (Paul for Everyone).

Wie er andeutet, geht es ihm um das Kommen Christi und um die Vereinigung der Christen mit ihm, wovon Paulus bereits 1.Thess. 4,15-17 gesprochen hat. […] es liegt ihm daran zu zeigen, daß diesem Geschehen bestimmte Ereignisse vorausgehen müssen. […]
In der Gemeinde von Thessalonich hatten einige Glieder die Ansicht verbreitet, die Zeit für den Tag des Herrn sei da, dieser stehe nun unmittelbar bevor. […] In Tessalonich scheint sich etwas Ähnliches ereignet zu haben wie später in Pontus. Wie Hippolyt (Daniel-Kommentar 4,19) berichtet, hat dort ein Vorsteher der Gemeinde wie ein Prophet das Eintreten des Gerichts in Jahresfrist verkündet. Als die Gemeindeglieder hörten, daß der Tag des Herrn unmittelbar bevorsteht, erfaßte sie Furcht vor dem Gericht und Verzagtheit. Sie fingen an zu weinen und zu klagen, gaben das Arbeiten auf, ließen ihre Äcker unbestellt liegen und verkauften ihr Eigentum […]
[Es] tritt der Schreiber des zweiten Thessalonicherbriefes Schwärmern entgegen […].
Diesen wird gesagt, daß der letzten Zeit die vorletzte Zeit vorausgeht, die noch nicht eingetreten ist. Die Haltung des Christen ist weder eschatologisches Desinteresse noch fanatischer Endzeitglaube. […]
[Es werden] dem Ende zwei Ereignisse vorausgehen, an denen man erkennen kann, was die Weltenuhr geschlagen hat: Der große Abfall und das Erscheinen des mächtigen Verführers. Dieses letzte Stadium vor dem Ende ist noch nicht erreicht, weil beides noch nicht eingetreten ist. […]
Wie Antiochus Epiphanes IV. die Juden zum Abfall verleitete, so wird es unmittelbar vor dem Ende ein übermächtiger Mensch tun, den man später den Antichristen genannt hat, der aber 2.Thess. 2 diesen Titel nicht trägt. […]
Wenn von dem Menschen der Gesetzlosigkeit und dem Sohn des Verderbens, dem Wiedersacher Gottes, gesagt wird, daß er sich in den Tempel Gottes setzt, so ist mit Tempel Gottes weder an das Heiligtum in Jersualem noch an eine heidnische Kultstätte, weder an einen Platz im Himmel noch an die christliche Gemeinde gedacht […] sondern mit traditionellen Bildern und Formulierungen wird ausgedrückt, daß der große Frevler vor aller Welt demonstriert, er verdränge Gott und setzt sich selbst in den Tempel und nimmt den Platz Gottes ein. […]
Wenn Christus erscheint braut er, um ihn zu vernichten, weder ein großes Kriegsheer noch starke Engelscharen einzusetzen. Ein Hauch seines Mundes genügt, um den ganzen Spuk zu beseitigen.

Eine, dieser Ansicht entgegengesetzte, Auffassung finden wir bei N.T. Wright, welcher diese Passage auf 70n.Chr auslegt.

Paul does not suppose that these events are the final ones. If ‘the day of the Lord’ meant ‘the end of the world’, the Thessalonians would not need to be informed of such an event by letter! The Old Testament prophets used ‘the day of the Lord’ to refer to catastrophes that befell Jerusalem within continuing history.[…] Shortly before Paul began his missionary journeys, there had been a major crisis in the Middle East. The Roman emperor Gaius Caligula, convinced of his own divinity, and angry with the Jews over various matters, ordered a huge statue of himself to be placed in the Temple in Jerusalem. Massive Jewish protests at all levels, and the anxious advice of his officers on the spot, failed to dissuade him from this provocative project. Only Gaius’s sudden murder in the January of ad 41 prevented a major disaster. The Roman-Jewish war of 66–73 might easily have begun 25 years earlier.
It looks as though Paul, aware of what had nearly happened, envisaged that sooner or later some other megalomaniac would have the same idea. He speaks of a ‘man of lawlessness’, who elevates himself to a position of divinity, exactly as the Roman emperors were beginning to do. Paul saw this danger on the horizon, and knew that such idolatry would conflict disastrously with the true God and his Temple in Jerusalem. Had Paul lived until ad 70 he would have recognized the initial fulfilment of his words in this passage. Evil must reach its height, and then meet sudden doom. The Roman empire itself would go through unimaginable convulsions: the death of four emperors in quick succession during 68 and 69, followed by the destruction of the Jerusalem Temple, would certainly qualify, in Old Testament terms, for the title ‘the day of the Lord’.
[…] What is clear, though, is Paul’s firm belief that a time was coming in which God’s judgment on the idolatrous world, and its blasphemous leaders, would be unveiled. Through this lens he sees, too, events further off, the final personal presence (the ‘parousia’) of Jesus, who will destroy all evil and put God’s just and truthful judgment into effect against those who had been taken in by lies great and small.
In particular, God will judge, during history and finally at the end of history itself, the imperial systems that put themselves in his place. There have been enough of these in our own recent past for us to see something of the way they operate, the deceits they weave, and the way in which people get caught up in the web of their lies. What Paul would have us urgently grasp is the fact that God remains sovereign over all, and will one day put all wrongs to rights, and bring all human empires under the rule and judgment of his own saving kingdom.

Beide Positionen haben eine gewisse Plausibilität. Wir dürfen es uns hier nicht zu einfache machen. Die Eschatologie ist vielschichtig und nicht mit schwarz oder weiß festzunageln.
Ich persönlich halte, aufgrund der m.E. nach starken Parallelen zwischen 1Thes 4 und 2Thes 2 die erste Position im Gesamten momentan für plausibler.
Die Frage wie sich dies im gesamtbiblischen Kontext einfügt darf man sich stellen und lädt ein zu weiteren Nachforschungen.

Das Ende der Endzeit…

earth-1023859_1920… oder warum ich eine dispensationalistische Eschatologie für nicht biblisch überzeugend halte.

Heute hatte ich bei Prof. Tim Geddert eine Vorlesung. Neben vielen spannenden Themen haben wir uns auch über das 13. Kapitel des Markusevangeliums unterhalten. Einige dieser Inhalte möchte ich nun hier zusammenfassen, reflektieren und ggf. darauf aufbauend weiterdenken.
Dies bedeutet nicht, dass ich diese Inhalte schon umfassend und zwingend teile, sondern, dass ich sie sehr spannend, gut durchdacht und plausibel finde.

Zum Aufbau von Markus 13
Markus 13 beginnt damit, dass die Jünger Jesus auf die Pracht des Tempels hinweisen und von ihm erwidert bekommen, dass dieser komplett zerstört wird.
Später am Ölberg kommt die Frage 1. Wann dies geschehen wird und 2. was die Zeichen der Vollendung (der Weltzeit?) sein werden.
Einschub: Jesus beantwortet nicht diese Frage direkt. Er gibt keine Zeichen an – vielmehr ist seine Aussage, dass der Zeitpunkt (des Weltendes und der Tempelzerstörung) niemand weiß, außer Gott der Vater (ich vermute, dass Jesus auf diese Erkenntnis entweder nicht zugriff, oder bei seiner Inkarnation vorübergehend beiseite gelegt hat). 
Jesus warnt die Fragesteller, welche nach Zeichen fragen, vielmehr vor Verführungen – könnte es sein, dass die welche nach Zeichen suchen um die Wiederkunft Jesu herauszufinden in besonderer Verführungs-Gefahr stehen? Diese Vermutung liegt nahe.
Es folgt eine Darlegung was alles in der Zwischenzeit, also von der Zeit Jesu bis zu seiner Wiederkunft, die Regel sein wird. Es werden weiterhin Kriege geben, Kriesen und Katastrophen werden da sein, sowie eine Verfolgung der Nachfolger Jesu. In der Zwischenzeit wird auch die Tempelzerstörung geschehen, falsche Propheten werden auferstehen und Wunder und Zeichen vollbringen und viele verführen.
Anschließend legt Jesus dar wie seine Wiederkunft (siehe Unten) aussehen wird.
Es folgt das Bild des Feigenbaums (siehe Unten). Die Hauptaussage folgt: „Niemand weiß wann dies stattfinden wird“, die einzige Voraussetzung ist, dass der Tempel zerstört wird, was 70n.Chr. erfüllt wurde.

Die Tempelzerstörung
Jesus sagt in Vers 30, dass dieses Geschlecht (eine Generation von ca. 40 Jahren) nicht vergehen wird, bis dies alles geschehen ist. Die Aussage wurde ungefähr 30n.Chr. von Jesus gemacht. 70n.Chr. wurde der Tempel zerstört. Bis dahin war deutlich, es gibt etwas, was der Wiederkunft Christi noch im Weg steht. Bis 70n.Chr.
Danach ist das „alles“ geschehen. Von diesem Zeitpunkt an, kann Jesus jederzeit wiederkommen. D.h. es sind keine weiteren „Gog – Magog“ Zeichen für Jesu Wiederkunft nötig, nicht einmal das Erstarken der EU.

Das Kommen des Menschensohnes
Die Verse 24-27 im 13 Kap. des Markusevangeliums sprechen davon, wie Jesus als König und Richter der Welt wiederkommt. Er kommt mit Macht und Herrlichkeit. Er lässt seine Anhänger sammeln von allen Enden der Erde.
Dies passt auch mit den Aussagen im 1.Thessalonicher 4,13-5,3 und z.B. Offenbarung 6,12-17 zusammen.
Die Lehre, dass Jesus seine Nachfolger entrückt und so in den Himmel bringt, während auf Erden ein Chaos ausbricht ist schlicht und ergreifend nicht biblisch, sondern eine beliebte Sonderlehre aus der Zeit von Darby.
Vielmehr stimmt der Schriftbefund darin überein, dass Jesus auf den Wolken erscheint, seine Anhänger ihm entgegenkommen (so wie, wenn der König kommt, seine Anhänger aus der Stadt kommen um ihn zu begrüßen) um danach mit ihnen auf die Erde zurückkehrt, sein 1000 jähriges Reich aufrichtet und schlussendlich danach eine neue Welt macht.

Der Feigenbaum
Zu guter Letzt. Was ist der Feigenbaum (Vers 28). Hier ist zu beachten, dass der Feigenbaum in 11, 12-14 mit dem Korrupten System der Führung des Volkes und somit auch des Tempels in Verbindung stehen kann. So wäre der Feigenbaum in 13,28 dann mit der Gemeinde gleichzusetzen, welche im Entstehen war. Bei ihrer Entstehung stand der Zeitpunkt von 70n.Chr. ungefähr etwas weniger als eine Generation entfernt.

Resultat
Bedeutet dies, dass ich nicht mehr auf Jesus warte?
Ein ganz klares Nein! Ich warte auf Jesus. Er wird wiederkommen. Er kann jederzeit wiederkommen. Aber ich glaube nicht an einen Endzeitfahrplan, durch welchen ich die Zeit der Wiederkunft berechenbar ist. Ebenfalls lehne ich eine dispensationalistische Entrückungslehre als nicht biblisch überzeugend ab.
Zusammenfassend möchte ich festhalten: Jesus kann seit 70n.Chr. zu jeder Zeit wiederkommen, für uns gilt es auf ihn zu warten und bereit zu sein.