Paulus und das Gewissen

compass-1795451_1280Wer in der heutigen Zeit vom Gewissen spricht, der kennt das schlechte Gewissen, dass er hat wenn er scheinbar etwas Böses tat. Doch ist das Gewissen eine Fähigkeit Gutes und Böses zu unterscheiden?
Folgende Ausführungen habe ich bei Baltes gefunden:

Für ihn [Paulus] ist das Gewissen keine unabhängige moralische Instanz, sondern eher so etwas wie ein „innerer Kompass“, der dem Menschen hilft, sich an Gottes Geboten auszurichten. Die Maßstäbe für Gut und Böse werden also nicht vom Gewissen selbst gesetzt, sondern sie sind außerhalb des Menschen vorgegeben. Das Gewissen hilft dem Menschen dabei, sein eigenes Verhalten an diesen Maßstäben zu messen und zu beurteilen.
[…]
Der Kompass ist aber nicht dafür da, die Richtung vorzugeben. Sondern er richtet sich nach einem Nordpol, der außerhalb seiner selbst ist. Ein gut funktionierender Kompass weist daher in die richtige Richtung, aber er bestimmt sie nicht.

Freiheit vom Gesetz?

chain-1623322_1920In seinem Buch „Paulus – Jude mit Mission“ stellt Baltes 5 Thesen auf wie Paulus, seiner Meinung nach, die Freiheit vom Gesetz und was damit zusammenhängt, versteht.
Diese Thesen sind vielleicht nicht gerade der Mainstream und vielleicht sind diese auch gerade deshalb interessant und auf jeden Fall es wert darüber weiter nachzudenken und zu diskutieren:

  1. Für Paulus macht der Glaube an Jesus nicht „frei vom Gesetz“.
  2. Paulus selbst hat sich zeitlebens streng an das jüdische Gesetz gehalten.
  3. Juden, die  an Jesus glauben, sollen weiterhin das Gesetz einhalten.
  4. Nichtjuden, die an Jesus glauben, sollen sich nicht an das Gesetz halten.
  5. Juden sollen Juden bleiben und Nichtjuden sollen Nichtjuden bleiben.

Paulus – Jude mit Mission: Resümee

Wer einen Überblick über die theologische Forschung zu Paulus lesen möchte, dass leicht verständlich, einen guten Überblick bietet und die Diskussionen und Anfragen an die jeweiligen Positionen fair und sachlich darlegt, dem sei das Buch von Baltes empfohlen.
In seinem Buch liefert er eine gute Darstellung des Lebens von Paulus, geht auf die historische Zuverlässigkeit ein und legt den Stand der Diskussion dar.
Ebenso werden die großen theologischen Fragen, wie die Neue Paulus Forschung, die Frage nach Gesetz und Ethik u.v.m. behandelt.
Sicherlich werden einige Fragen auch sehr kurz behandelt, und man darf manche Themen sicher auch kontrovers diskutieren.
Dennoch bietet dieses Buch aus meiner Sicht eine der besten, allgemeinverständlichen Einleitungen und Übersichten zu Paulus.

Leseempfehlung!

Bisherige Beiträge zu diesem Buch:
Paulus – Jude mit Mission (1)
Paulus – Jude mit Mission (2)
Hatte Schlatter doch recht?
————————
Dieser Artikel basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir der Francke-Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Paulus – Jude mit Mission (2)

In der aktuellen Paulusforschung ist die Frage nach der Rechtfertigung eine der umstrittenen Fragen.
Im Rahmen der neueren Forschung (ab Sanders) gab es immer wieder die These, dass die Rechtfertigungslehre ein Nebenprodukt des Paulus war, die er für seine Missionstheologie brauchte. (Hier der Hinweis noch N.T. Wright sieht sie nicht als ein Nebenprodukt.)
Auf diese Frage geht Baltes auch ein, er schreibt dazu:

In ihrer Sprache und ihren Bildern stehen Jesus und Paulus an dieser Stelle diesen jüdischen Strömungen näher als das rabbinische Judentum. Das heißt aber, dass die Frage „Rechtfertigung des Sünders“ für das Judentum des ersten Jahrhunderts alles andere ist als nur ein „Nebenthema“. […] Es ist ein zentrales Thema für den jüdischen Glauben.

Zum großen Versöhnungstag schreibt er weiter: Die Sünde des Volkes wurden durch das Blut des Opfertieres „bedeckt“ (kippur), und gleichzeitig wurde die „Abdeckung“ (kapporet) der Bundeslade zum Ort der Versöhnung zwischen Gott und Mensch. […] Hier war für Juden der Ort, an dem sie Vergebung der Schuld empfingen […] Das ist daher die jüdische Botschaft von der Rechtfertigung aus Gnade: Denn es war ja keine Gerechtigkeit, die selbst verdient wurde. […]
An dieser Stelle liegt aber nun für Paulus das Zentrum des Evangeliums. Er nennt es „das Wort vom Kreuz“[…]
Die Rechtfertigungslehre des Paulus ist also eine zutiefst jüdische Lehre: Sie ist verankert im Herzen der Tora, in den Vorschriften zum Versöhnungstag, die die Mitte der fünf Bücher Mose bilden.  […] sie ist verankert im Herzen des jüdischen Kalender, in dem der Versöhnungstag der höchste Feiertag ist. […]
Gerade weil die Botschaft von der Rechtfertigung für Paulus nicht einfach nur ein „missionsstrategischer Kniff“ zur Gewinnung der Nichtjuden ist, sondern das Herz seiner Botschaft bildet und zugleich ins Herz des jüdischen Glaubens greift, muss es hier zum entscheidenden Konflikt kommen.

————————
Dieser Artikel basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir der Francke-Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Paulus – Jude mit Mission (1)

In seinem Buch Paulus – Jude mit Mission geht Guido Baltes auch auf die Neue Paulus Perspektive (siehe auch hier) ein.
Er beschreibt seine vier Hauptanfragen folgendermaßen:

  • Gab es den jüdischen „Bundesnomismus“ wirklich?
  • Ist die „Rechtfertigungslehre“ des Paulus wirklich nur ein „Nebenprodukt“?
  • Ist das Judentum wirklich eine ausgrenzende Religion?
  • Hat Paulus wirklich die „Auflösung aller Grenzen“ vertreten?

Zu der ersten Frage kommt Baltes zu folgendem Fazit:
Weder hat die ältere Forschung recht, die dem Judentum ein „sklavisches Lohndenken“ und eine „Werkgerechtigkeit“ unterstellte. Noch hat Sanders recht, der solches Lohndenken völlig bestritt. Scheinbar unterschieden sich hier die jüdischen Lehrer in den Schwerpunkten, die sie setzten. […]
Das Gesetz ist also im Judentum zur Zeit des Paulus bei Weitem nicht nur ein reines „Erkennungsmerkmal“ für die schon aus Gnade Erwählten. Es ist eben auch ein Weg zum Leben und zur Errettung. Und eine Forderung, die es zu erfüllen gilt. Was in der Darstellung von Sanders zu sehr in den Hintergrund tritt, ist die feste Erwartung eines göttlichen Gerichts […] Es ist ein Gericht, in dem der Mensch nach seinen Werken beurteilt wird. Das alles hebelt aber die Gnade Gottes nicht aus, sondern ist mit ihr auf verborgene Weise verwoben: Denn es war seine Gnade, die dem Gesetz vorausging. Und es ist seine Gnade, die uns im Gericht freispricht. in dieser Hinsicht sind sich Paulus und das Judentum also gar nicht so unähnlich.

————————
Dieser Artikel basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir der Francke-Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Hatte Schlatter doch Recht?

Ich arbeite zur Zeit das neue Paulus Buch von Guido Baltes durch.
Er  skizziert die Entwicklungen der aktuellen Paulusforschung in groben Zügen.
Auf Adolf Schlatter kommt er zu sprechen, da dieser sich bemühte Paulus und Jesus mit dem Judentum zusammenhalten zu wollen. Damals wurde er, so Baltes, von seinen Kollegen nur müde belächelt. Heute muss man zugeben: Schlatter hatte doch Recht.
Baltes zitiert Peter Stuhlmacher wie folgt:

[Damals] konnte man dies belächeln und als unwichtige Einzelmeinung beiseiteschieben. Heute können wir dies nicht mehr. Wir müssen vielmehr zugestehen, dass Schlatters Sicht die historisch bessere und wegweisende war und ist. Mag Schlatters Exegese im Einzelnen zu undifferenziert und konstruiert sein, seine Gesamtperspektive bleibt richtig, und das will nach fünfzig Jahren Paulusforschung, die mittlerweile ins Land gegangen sind, schon was heißen!

Die Neue-Paulus-Perspektive

Es ist, meiner Wahrnehmung nach, ruhiger geworden in der Diskussion um die „Neue-Paulus-Perspektive“. Wrights magnum opus ist vor einiger Zeit bereits erschienen, wurde diskutiert (z.B. hier) und sehr unterschiedlich aufgenommen.
Auch wenn ich nicht zu den Befürwortern dieser „neuen“ Sicht über Paulus gehöre, möchte ich dennoch auf einen Artikel vom Logos-Blog hierzu verweisen.

In diesem Artikel geht es darum, was neu an der „Neuen-Paulus-Perspektive“ ist:
1. Eine neue Sicht über das Judentum

The major point in [Martin Luther’s] interpretation of Paul concerns Paul’s phrase ‘not by works of the law.’ In this view, when Paul says that justification is not by ‘works of the law,’ he is attacking works righteousness; he is attacking the view that he perceives in Judaism that you earn right standing before God by obeying the ot law with all its detail, [thus] establishing your own righteousness. And Paul is rejecting all of that in favor of the grace that’s given to us in the Lord Jesus Christ. […] [The NPP has] not just been a scholarly discussion, it’s also been a discussion about Christian ministry and the presentation of the gospel, because the New Perspective on Paul raises some key questions: If the Reformers were wrong about Paul, have we been presenting the gospel incorrectly when we’ve preached and taught it on the basis of trajectories of interpretations that stemmed from them? Or alternatively, if the Reformers were actually right, and it’s scholars in the New Perspective who are wrong about Paul, are these contemporary scholars actually in some way corrupting the gospel and leading us to preach and teach incorrectly?

And so we have a key question: Does the New Perspective on Paul lead to fresh and faithful expressions of the gospel or does it lead to false and faithless expressions of something that is less than the gospel?

2. Ein neuen Blick auf das Gesetz

James D.G. Dunn argued that the ‘works of the law’ are . . . in particular those aspects of the Jewish law that serve to mark the boundaries between Jews and Gentiles: . . . circumcision, the observance of the food laws, and the observance of Sabbath. . . . Paul is objecting to the insistence that it’s necessary to become Jewish in order to be righteous before God. When he writes these key texts, what he is objecting to is the attempt to impose Jewish law observance and the Jewish way of life on his Gentile converts. Paul is saying that these key markers of Jewish identity and key markers of the boundary between them and the Gentiles mustn’t be imposed on Gentile followers of Jesus as a precondition for those Gentiles to receive God’s grace in Christ.

3. Ein neues Rechtfertigungsverständnis

[…]n fact, NPP scholars argue that you can search through Paul’s writings all day and never find an instance where Paul explicitly states that Christ’s righteousness is transferred to the believer.[…]
Wright also emphasizes that there is both a present and future aspect of justification. God issues his verdict concerning the believer in the present on the basis of faith and faith alone. But he also will declare that verdict in the future, when God raises believers from the dead. As Wright explains in his book Justification, “The present verdict gives the assurance that the future verdict will match it, the Spirit gives the power through which that future verdict, when given, will be seen to be in accordance with the life that the believer has then lived.”

Here’s Chester summarizing Wright’s point in the above passage:

In other words, what justification does is . . . bring forward God’s final verdict; the believer is justified in the present on the basis of Christ’s saving work, is declared to be part of God’s people, and then as part of God’s people, through the empowering of the Holy Spirit, the believer will live a life more and more in accordance with the justification that’s being given, so that through the power of the Spirit, the future verdict comes to match the verdict in the present; the verdict that somebody is justified, that somebody is a member of God’s people and that, therefore, their sins are forgiven.