Das Echo Marcions?

Der anglikanische Theologie Alister McGrath stellt in seinem Buch Der Weg der christlichen Theologie, dar, wie selbst bei Luther Spuren von Marcion zu finden seien.

So schreibt McGrath:
Nach Marcion war das Christentum eine Religion der Liebe, in der keinerlei Raum für das Gesetz und den gewalttätigen Gott des Alten Testaments war; das Alte Testament rede von einem anderen Gott als dem des Neuen Testament; […]
Nach der Auffassung Marcions war es die Absicht Christi, den Glauben an den alttestamentlichen Gott […] zu beseitigen und die Verehrung des wahren Gottes der Gnade einzuführen.
In Luthers Schriften findet sich ein entferntes Echo dieser Vorstellung.
Obwohl Luther daran festhielt, dass sich sowohl das Alte Testament als auch das Neue Testament auf die Taten desselben Gottes beziehen, betonte er dennoch den vollkommenen Gegensatz von Gesetz und Gnade. […]
Obwohl sich im Alten Testament die Gnade (etwa in Jesaja 40-55) und im Neuen Testament (etwa in der Bergpredigt Mt 5-7) das Gesetz entdecken lässt, scheint Luther häufig nahezulegen, dass das Alte Testament eine Gesetzesreligion sei, die im Gegensatz zur neutestamentlichen Betonung der Gnade stehe.

Das treibet Christum (nicht)

„Zu lehren ist was von Christus treibt und die Mitte der Schrift ist.“
Ähnlich kann man es immer wieder lesen oder hören. Diese Formel bietet als Risiko und Nebenwirkung, dass sie instrumentalisiert werden kann.
Folgende Zitat von Heinzpeter Hempelmann sei angeführt. Er schreibt in seinem Aufsatz „Hält die Bibel-Hermeneutik, was sie verspricht?“ (tb 15-4) Folgendes:

Es ist ja nicht klar, was Christum treibet. Diese Formel ist inzwischen zur Leerformel geworden, die darum alle möglichen Inhalte transportieren und als zentral behaupten kann, eben weil sie total unterbestimmt ist. Was heißt solus Christus als die Mitte der Schrift? Es lassen sich ja alle möglichen Fassungen dessen denken, was unter dieser christologischen Mitte verstanden werden kann. An die Stelle eines Gegenübers tritt dann hier wieder die individuelle theologische Position des Auslegers. Das Verfahren ist nicht nur zirkulär, es ist insofern hoch problematisch, als es ermöglicht, die eigene partikulare Position unter Rückgriff auf diese Formel als Mitte der Schrift auszuweisen. Was dann zur Sprache kommt, ist eben nicht die Heilige Schrift als solche, sondern das, was mir ihre Mitte zu sein scheint; was ohnehin mein Anliegen ist.

Christus als Richter der Schrift?

book-283248_1920Aus gegebenen Anlass beschäftige ich mich mal wieder mit dem Schriftverständnis.
Um meine Ansicht zu reflektieren, helfen neben Gesprächen mit Theologen, auch Bücher weiter.
Einige interessante und provozierende Zitate habe ich zu diesen Diskussionen gefunden. Motto: Lesen, provozieren lassen, reflektieren & Meinungsbildungsprozess fortschreiten lassen.

So schreibt J. Packer zu der Frage, ob Christus als Richter über die Schrift fungiert Folgendes:
Ein Christus, der seinen Nachfolgern erlaubt, ihn als Richter der Schrift einzusetzen, nämlich als einen, der erst ihre Autorität bestätigen muss, bevor sie verpflichtend wird, und durch dessen gegenteiliges Urteil sie an anderer Stelle ungültig gemacht wird, ist ein Christus menschlicher Vorstellung, gemacht im eigenen Bilde des Theologen. Einer, dessen Haltung zur Schrift das Gegenteil von der Haltung des historischen Christus ist. Wenn die Konstruktion eines solchen Christus nicht ein Bruch des zweiten Gebotes ist, was ist es dann?

Kevin DeYoung schreibt hierzu:
Jesus mag sich sehr wohl als der Fokus der gesamten Schrift gesehen haben, doch niemals als ihr Richter. Der einzige Jesus, der über der Schrift steht, ist unserer selbst erfundener Jesus.

Keine Vergebung möglich?

road-sign-808734_1920Die Frage, was es mit der Lästerung des Geistes auf sich hat, wurde von vielen Christen gestellt. Viele stellten sich zweifelnd die Frage, ob sie selbst diese Sünde begangen haben, oder begehen können.
In einer Predigt habe ich den Versuch gestartet Antworten zu geben, nachzuhören hier:

Einige Stimmen begnadeter Bibelausleger lauten wie folgt zu diesem Thema:

Gerhard Maier (HTA Matthäus):
Der Heilige Geist dagegen kann nur von solchen gelästert werden, denen er sich zuvor offenbart hat, das heißt von denen, die ihn kennen. „Wer als Erleuchteter wissentlich und mit wirklicher Absicht den heiligen Geist lästert, erfährt keine Vergebung“ (vgl. Hebr 6,14ff; 10,28f). Die Pharisäer […]waren gerade deshalb in der Gefahr, die Lästerung des Geistes zu begehen. Erneut halten wir fest, dass Jesus nicht sagt, sie hätten diese Sünde schon begangen. Er warnt nur und wirbt um ihr Verständnis. […]
Die hier handelnden Pharisäer haben sich verfehlt und Jesu Warnung bleibt ernst. Anderseits bleibt für sie die Umkehr offen, weil Jesus „noch nicht das Gericht verhängte, sondern zur Entscheidung rief“

Rudolf Pesch (HTHK NT Markus):
Die Ausnahme bezeichnet angesichts der generellen Vergebungszusage für Gotteslästerung (V 28) offenbar einen einzigartig gravierenden Tatbestand: die verstockte Weigerung, Gottes Handeln in den Zeichen seines heiligen Geistes als dessen Zeichen und sein Handeln anzuerkennen.

William Barclay (Auslegung des Neuen Testaments Matthäus – vergriffen)
Die Sünde wider dem Heiligen Geist besteht darin, Gottes Willen so fortgesetzt abzulehnen, daß er schließlich selbst dann nicht mehr als solcher erkannt wird, wenn er sich in seiner ganzen Fülle offenbart.

Martyn Lloyd-Jones (Gott der Heilige Geist)
Oft sind Christen darüber beunruhigt, dass sie sich dieser Sünde schuldig gemacht hätten. Die Antwort ist folgende: Wenn Sie darüber beunruhigt sind, dann können Sie absolut sicher sein, dass Sie nicht schuldig sind! […]
Wenn Sie also besorgt sind, dass Sie gegen den Heiligen Geist gesündigt hätten und mit Gott und mit Christus im Reinen sein möchten und empfinden, dass Sie sich selbst durch ihre Sünden aus der Beziehung zu Gott gestohlen hätten, […] dann sind Sie nicht nur nicht der Sünde wider den Heiligen Geist schuldig, sondern Sie sind so weit davon entfernt, wie es überhaupt je ein Mensch sein kann.

Paulus – Jude mit Mission (2)

In der aktuellen Paulusforschung ist die Frage nach der Rechtfertigung eine der umstrittenen Fragen.
Im Rahmen der neueren Forschung (ab Sanders) gab es immer wieder die These, dass die Rechtfertigungslehre ein Nebenprodukt des Paulus war, die er für seine Missionstheologie brauchte. (Hier der Hinweis noch N.T. Wright sieht sie nicht als ein Nebenprodukt.)
Auf diese Frage geht Baltes auch ein, er schreibt dazu:

In ihrer Sprache und ihren Bildern stehen Jesus und Paulus an dieser Stelle diesen jüdischen Strömungen näher als das rabbinische Judentum. Das heißt aber, dass die Frage „Rechtfertigung des Sünders“ für das Judentum des ersten Jahrhunderts alles andere ist als nur ein „Nebenthema“. […] Es ist ein zentrales Thema für den jüdischen Glauben.

Zum großen Versöhnungstag schreibt er weiter: Die Sünde des Volkes wurden durch das Blut des Opfertieres „bedeckt“ (kippur), und gleichzeitig wurde die „Abdeckung“ (kapporet) der Bundeslade zum Ort der Versöhnung zwischen Gott und Mensch. […] Hier war für Juden der Ort, an dem sie Vergebung der Schuld empfingen […] Das ist daher die jüdische Botschaft von der Rechtfertigung aus Gnade: Denn es war ja keine Gerechtigkeit, die selbst verdient wurde. […]
An dieser Stelle liegt aber nun für Paulus das Zentrum des Evangeliums. Er nennt es „das Wort vom Kreuz“[…]
Die Rechtfertigungslehre des Paulus ist also eine zutiefst jüdische Lehre: Sie ist verankert im Herzen der Tora, in den Vorschriften zum Versöhnungstag, die die Mitte der fünf Bücher Mose bilden.  […] sie ist verankert im Herzen des jüdischen Kalender, in dem der Versöhnungstag der höchste Feiertag ist. […]
Gerade weil die Botschaft von der Rechtfertigung für Paulus nicht einfach nur ein „missionsstrategischer Kniff“ zur Gewinnung der Nichtjuden ist, sondern das Herz seiner Botschaft bildet und zugleich ins Herz des jüdischen Glaubens greift, muss es hier zum entscheidenden Konflikt kommen.

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Dieser Artikel basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir der Francke-Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Schlatter: Das Verhältnis von Religion und Philosophie I

Vorlesungen von Adolf Schlatter wurden neu Veröffentlicht. Diese wurden in seiner Zeit in Bern gehalten.
Herausgegeben wurde das Buch von Harald Seubert (STH Basel) mit der Mitarbeit von Werner Neuer (TSC Chrischona).

Verlagstext:

Der bedeutende Exeget und Systematiker Adolf Schlatter (1852-1938) hat in seinem Frühwerk tiefgründig und eigenständig über das Verhältnis von Theologie und Philosophie, Glaube und Vernunft nachgedacht. Ausgehend von einer intensiven Auseinandersetzung mit dem katholischen Philosophen Franz von Baader (1765-1841) entwickelt er in dem hier veröffentlichten Nachlasstext eine klare und knappe Auseinandersetzung mit der gesamten neuzeitlichen Philosophie. Sie ist zugleich ein überraschend frischer und aktueller Beitrag zu den Grundlagen ökumenischer Verständigung.

Der Leser lernt Schlatter von einer neuen, unerwarteten Seite kennen und wird zugleich Zeuge eines theologischen Ansatzes, der alles andere als überholt ist.

Hatte Schlatter doch Recht?

Ich arbeite zur Zeit das neue Paulus Buch von Guido Baltes durch.
Er  skizziert die Entwicklungen der aktuellen Paulusforschung in groben Zügen.
Auf Adolf Schlatter kommt er zu sprechen, da dieser sich bemühte Paulus und Jesus mit dem Judentum zusammenhalten zu wollen. Damals wurde er, so Baltes, von seinen Kollegen nur müde belächelt. Heute muss man zugeben: Schlatter hatte doch Recht.
Baltes zitiert Peter Stuhlmacher wie folgt:

[Damals] konnte man dies belächeln und als unwichtige Einzelmeinung beiseiteschieben. Heute können wir dies nicht mehr. Wir müssen vielmehr zugestehen, dass Schlatters Sicht die historisch bessere und wegweisende war und ist. Mag Schlatters Exegese im Einzelnen zu undifferenziert und konstruiert sein, seine Gesamtperspektive bleibt richtig, und das will nach fünfzig Jahren Paulusforschung, die mittlerweile ins Land gegangen sind, schon was heißen!